The Drops of God: Interview mit Regisseur Kenji Itoso

Kenji Itoso

Seit April zeigt Crunchyroll die Anime-Serie The Drops of God. Shizuku Kanzaki sucht im Wettstreit um das Erbe seines Vaters nach zwölf außergewöhnlichen Weinen und den „Drops of God“. Wir präsentieren euch zum Start in der AnimaniA 3/2026 unser Interview mit Tadashi Agi, dem kreativen Geschwisterduo hinter der Manga-Story, und Regisseur Kenji Itoso. Kenji Itoso (s. Porträtfoto oben, bei X: k_itoso) ist bekannt für seine vielbeachteten Independentprojekte Coluboccoro (OVA: 2007, Movie-Remake: 2019) und Santa Company (seit 2012, zuletzt 2019: Santa Company: Manatsu no Merry Christmas). 2025 inszenierte er für das The Drops of God-Studio Satelight bereits Aquarion: Myth of Emotions. Hier lest ihr alle Antworten des Regisseurs in voller Länge!

Herr Itoso, wie kamen Sie zum ersten Mal mit der Geschichte von The Drops of God in Kontakt und was war ihr Ersteindruck?

Kenji Itoso: Als ich zum ersten Mal hörte, dass es einen Manga gibt, der sich mit Wein beschäftigt, habe ich das Thema ehrlich gesagt noch nicht richtig wahrgenommen. Ich mochte Wein, aber es war für mich eher nur so etwas wie ein „Hobby für Erwachsene“. Wein war schlicht ein Getränk für mich. Doch als ich dann die erste Manga-Seite aufschlug, traf mich ein Schlag. In The Drops of God entfaltet sich im Glas eine Landschaft – ja, ein ganzes Leben.

Da erinnerte ich mich an Worte, die mir Satoshi Kon in meiner Jugend mitgegeben hatte. Ich durfte bei seinem Werk Yume Miru Kikai bei der Inszenierung mitwirken und verbrachte bis zu seinem Tod die Tage an seiner Seite. Fast jeden Abend sprachen wir über Filme und Inszenierung. Aus dieser Zeit stammt eine Lehre von ihm, die mein ganzes Leben prägt: Mit zunehmendem Alter bauen Menschen aus dem, was sie an Wissen und Technik gewonnen haben, eine „sichere Burg“ und ziehen sich in sie zurück. Aber um sich wirklich weiterzuentwickeln, muss diese Burg durch einen überwältigenden Schock einmal vollständig zerstört werden. Aus dem Trümmerhaufen sammelt man dann nur die Teile auf, die man wirklich braucht, blickt auf sich selbst zurück und errichtet die Burg neu.

Kurz gesagt: Echtes Wachstum beginnt oft erst, wenn die „sichere Burg“ zerbricht. Und The Drops of God war für mich genau so ein Erlebnis. Meine kleine Burg „Wein ist ein Getränk“ stürzte mit einem lauten Krachen ein. Merkwürdigerweise machte mir das keine Angst. Im Gegenteil: Während ich noch mitten in den Trümmern stand, war ich sofort gespannt darauf, was ich daraus für einen Anime machen könnte.

Wein ist zwar eine Flüssigkeit, doch darin liegen Erinnerungen, Stolz, Zeit. In dem Moment, in dem jemand Wein trinkt, wird die Vergangenheit eines Menschen wieder lebendig: Kindheitsbilder steigen auf, die Stimme eines Verstorbenen hallt im Kopf wieder. Ich erkannte, dass es nicht unm „Geschmack“, sondern um „Erinnerung“ geht. Als Regisseur bewegte mich schon lange die Frage, warum Gerüche oder Geschmack uns plötzlich in unser früheres Ich zurückwerfen können. The Drops of God tut genau das. Und da wurde mir klar: Auch wenn man den Geschmack des Weins selbst nicht zeigen kann, kann man doch das Leben des Menschen zeigen, der ihn kostet. Vielleicht stellt dieses Werk, die Kraft des Anime auf die Probe – das war mein Ersteindruck.

Kenji Itoso
Was lag Ihnen als Regisseur bei der Adaption der Manga-Vorlage besonders am Herzen?

Kenji Itoso: Wenn ich es in einem Satz sagen müsste: „gründlich lesen, einmal zerlegen und dann als Film neu zusammensetzen“. Und ganz am Ende gebe ich nur einen einzigen Tropfen hinzu – den Geschmack von mir als Mensch. Das betrifft nicht nur Adaptionen von Originalwerken, sondern ist ein Prinzip, das mir als Regisseur immer wichtig ist.

Dieses Prinzip hat einen Ursprung in einer Erfahrung, die ich nie vergessen werde. Als ich jung war, war ich besessen davon, „etwas absolut Neues zu machen – etwas, das noch niemand gesehen hat!“ Ich zeigte Satoshi Kon ständig meine Projektpläne. Und er sagte, oft ohne sie bis zum Ende zu lesen, ganz gelassen: „Ja. Du willst also eigentlich das hier machen, oder? Der Kern ist doch der, stimmt’s?“
… Er durchschaute alles (lacht). Das passierte so oft, bis ich irgendwann kapitulierte: „Ich gebe mir so viel Mühe, etwas Neues zu machen … aber gibt es vielleicht gar nichts wirklich Neues?“ Und Kon-san lachte und sagte: „Na klar. Hast du’s endlich verstanden? Dann stehst du jetzt am Startpunkt.“

Mit diesen Worten schaltete sich in meinem Kopf etwas um. Was ich für „neu“ hielt, war in Wahrheit Teil eines großen Stroms, den meine Vorgänger längst aufgebaut hatten. Deshalb ist das Entscheidende nicht, etwas aus dem Nichts zu erschaffen – sondern sich die Arbeit der Vorgänger ordentlich anzusehen, wirklich zu verstehen und dann neu zu kombinieren. Seitdem recherchiere und analysiere ich zuerst immer extrem gründlich: Wie verbindet man bestehende, großartige Elemente? Wie zeigt man sie so, dass sie in der Gegenwart auch gut ankommen? Und wie legt man zuletzt eine „Temperatur“ darüber, die man nur selbst dazugeben kann? Herr Kon hat mir beigebracht: Das ist Inszenierung.

The Drops of God ist bereits ein Werk, das weltweit geliebt wird – und die Kunst, wie Wein dargestellt wird, ist auch erstaunlich. Gerade deshalb wollte ich bei der Anime-Adaption nicht einfach das Originalwerk „nachzeichnen“. Ich habe zuerst versucht, die Essenz der Vorlage radikal herauszulesen und es dann auseinandergebaut: weniger das Weinwissen selbst, sondern was Wein im Inneren eines Menschen auslöst. Warum verbindet sich ein einziges Glas mit Lebenserinnerungen und Stolz? Und genau das habe ich dann im Format Anime neu zusammengesetzt – in einem Medium, in dem Ton, Farbe und Zeit fließen.

Ich wollte, dass Fans der Manga-Vorlage sagen: „Ja, genau das wollte ich sehen“, und gleichzeitig, dass sie überrascht sind, nach dem Motto: „Als Anime kann man es so stark „fühlen“!“ Diese Balance war mir in der Produktion am wichtigsten.

Arbeitsplatz des Regisseurs
Weinproben, die intensive Auseinandersetzung mit Geruch, Farbe und Geschmack der Weine, der Genuss sowie die Assoziationen der Figuren spielen in der Dramaturgie von The Drops of God eine tragende Rolle. Wie haben Sie und Ihr Team sich auf die Herausforderung, dies in Anime-Form umzusetzen, vorbereitet? Gab es beispielsweise Tastings oder Schulungen rund um das Thema Wein?

Kenji Itoso: Natürlich haben wir uns ganz konkret auch in der Praxis vorbereitet und uns als Team intensiv mit Wein beschäftigt. Wir haben in der Runde Weinabende veranstaltet, haben bekannte Sommeliers besucht und Seminare organisiert, sind tatsächlich durch Weingüter in Bordeaux gereist – und mit dem Sprecher der Hauptrolle, Kazuya Kamenashi, haben wir verschiedenste Weine verkostet, darunter auch die fünf großen Châteaux und Opus One. Aber die Vorbereitung, die mir als Regisseur am wichtigsten war, ging über das bloße Tasting hinaus. Und zwar die mentale Herangehensweise: „Wie beobachtet man etwas Unsichtbares – und wie macht man es in Bildern sichtbar?“

Dabei hat mir eine sehr starke Erfahrung geholfen, die ich als Teenager machte: Bei der Auswahl für eine von Studio Ghibli veranstaltete Regie-Schule (das sogenannte Higashi-Koganei-Mura-Juku) gab es ein Gruppengespräch mit Hayao Miyazaki. Übrigens: In diesem Interview erzählte Miyazaki sinngemäß: „Totoro ist ein furchterregendes, fleischfressendes Wesen“. Während alle überrascht waren, antwortete ich allein: „Totoro hat Mahlzähne, also ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es Pflanzenfresser ist.“ Damit wurde ich genommen – eine kleine Anekdote am Rande … (lacht)

Bitte haltet noch etwas aus, während ich meine alten Geschichten erzähle. Um „den Wein, der ich bin“ zu verstehen, ist es am schnellsten, meine Lebensgeschichte zu kennen. Vor über 25 Jahren, als Miyazaki-san seine Idee für „Kemushi no Boro“ in sich entwickelte, kamen in Hollywood Werke wie Antz und Das große Krabbeln heraus – Insekten waren ein großes Thema. Und mitten in dieser Zeit hockte Miyazaki-san im Garten des Studios und starrte lange, lange auf Pflanzen. Als ich fragte, warum, sagte er: „Wenn Nährstoffe von der Wurzel in den Stängel und dann in die Blattadern wandern, muss es dabei bestimmt „Geräusche geben, die nur Insekten hören“, und „Licht, das nur Insekten sehen“. Aber ich kann das weder hören noch sehen. Deshalb kann ich es nicht machen.“ Diese Perspektive hat mich zutiefst erschüttert. Ich dachte: „So weit geht er also – so radikal versucht er, die unsichtbare Essenz zu erschließen und zu beobachten.“

Und genau so ist es mit dem Wein in The Drops of God. Die Flüssigkeit im Glas ist nicht einfach ein Getränk. In ihr sind „unsichtbare Nährstoffe“ gelöst: der Geruch des Bodens, in dem die Reben wuchsen, das Licht der Sonne, die darauf fiel, und die unermessliche Leidenschaft der Produzenten. Wenn die Charaktere den Wein in den Mund nehmen – wie bringen wir dem Publikum diese „unsichtbaren Geräusche und dieses Licht“ nahe, zusammen mit „Geschmack und Duft“? Genau diese Art von extremer Beobachtung und Vorstellung, wie Herr Miyazaki es bei Pflanzen tat, war für unser Team der Kern der Vorbereitung.

Geschmack kann man nicht sehen. Aber die Veränderung eines Menschen, der ihn schmeckt – die kann man zeigen.

Die Zuschauer tauchen an der Seite der Figuren, wenn diese Wein kosten, in „andere Welten“, Assoziationen und Erinnerungen ein – und die Anime-Adaption ermöglicht dies nun auch in Farbe und Bewegtbild. Würden Sie unseren Lesern etwas über die künstlerische Gestaltung des Animes erzählen? Also zum Beispiel, welche Überlegungen in das Farbdesign der alltäglichen Szenen und der entrückten Assoziations- und Erinnerungswelten während der Weinproben geflossen sind? Oder anders gefragt: Wodurch lässt der Anime die Geschichte von Agi-sensei noch intensiver strahlen?

    Kenji Itoso: Diese „unsichtbaren Geräusche und dieses Licht“, von denen ich im Zusammenhang mit Herrn Miyazaki sprach – wie kann man sie durch Animation so umsetzen, dass man sie „fühlt“? Das war der Ausgangspunkt für Farbe und Art Direction. Zuerst haben wir die Alltagsszenen zwar realistisch angelegt, aber bewusst das Rot stärker betont – weil Wein für mich sehr stark mit „Rot“ verbunden ist. Gleichzeitig habe ich die Bildgestaltung so geplant, dass sie eine leicht nostalgische, „filmische“ Textur hat. Denn die Realität ist nicht immer dramatisch. In einer ruhigen Atmosphäre baut man die Beziehungen der Charaktere und Spannung sorgfältig auf. Gerade diese „Normaltemperatur“ macht die Veränderung später fühlbar.

    Und dann kommt der Moment, in dem der Wein den Mund berührt: Der Atem verändert sich, der Blick bleibt stehen, es entsteht eine winzige Pause. Ab da beginnen sich die Farben der Realität zu verändern. „Menschen bauen eine Burg in sich. Aber wenn sie zerbricht, sieht man die wirkliche Landschaft.“ Der Tasting-Moment ist genau dieser Zustand: Die Burg aus Logik und Alltagsvernunft bricht zusammen, Gefühle liegen offen. Dieses innere Geschehen haben wir mit Farbe, Licht, Bewegung, Techniken der Darstellung – und mit den Landschaften und Dramen, die der Wein sichtbar macht – in Bilder übersetzt. Befreit von den Grenzen der Realität wird Licht überbetont dargestellt, und die Farben verändern sich so, dass sie sich an Emotionen anschmiegen.

    Ich glaube, darin liegt die Kraft von Animation: einen Zustand zu schaffen, in dem das Publikum keine Erklärungen lesen muss – und trotzdem plötzlich „fühlt“. Die reiche Welt der Assoziationen, die die Mangavorlage innehat, holen wir durch Farbe, Bewegung, Schauspiel und Musik noch einen Schritt näher heran. Wenn ihr beim Schauen denkt: „Ich koste gerade mit!“, oder: „Diesen Wein würde ich gerne trinken!“, dann hat es funktioniert.

    Kenji Itoso
    Wie haben Sie und Ihr Team sich mit Tadashi Agi-sensei ausgetauscht? Fanden zum Beispiel regelmäßig Meetings statt?

    Kenji Itoso: Ich kann Agi-sensei gar nicht genug danken. Obwohl sie die Originalautoren sind, haben sie mir aus tiefstem Herzen vertraut und die „Freiheit“ der Animation maximal respektiert. Natürlich haben sie in der Drehbuch- und Storyboard-Phase alles sorgfältig geprüft. Aber die Grundhaltung war: „Wenn es als Anime spannend wird, dann machen Sie ruhig so weiter!“ Diese Großzügigkeit rührte aber nicht daher, dass sie uns einfach laufen ließen – sondern entstand, weil wir zu Beginn gemeinsam einen „Kern“ erarbeiteten, aus dem diese Freiheit erwuchs.

    Darüber hinaus gaben sie uns, als wir für Recherchen nach Frankreich fuhren, unzählige wertvolle Hinweise – als hätten sie uns eine geheime Landkarte überreicht. „Das solltet ihr unbedingt gesehen haben!“ und: „Hier waren wir, als wir am Manga gearbeitet haben.“

    Und besonders glücklich machte mich auch, dass sie uns nicht nur direkt zu Weinwissen und zur Darstellung der „Apostel“ beraten haben, sondern sogar für diese Anime-Adaption eine originale, nur im Anime existierende Beschreibung eines Apostels neu geschrieben haben! Ich denke, das wird auch für Fans der Vorlage eine echte Überraschung.

    Und es gab noch privat ein Ereignis wie aus einem Traum: Ich durfte bei einer Weinparty in Agi-senseis Zuhause zu Gast sein. Dort versammelten sich beeindruckende Persönlichkeiten aus verschiedensten Bereichen, und die mitgebrachten Weine der Kenner waren lauter „Schatzweine“, bei denen einem vor Staunen die Augen aus dem Kopf fallen. (lacht) Agi-sensei stellte mich allen vor: „Das ist Itoso-san, er wird die Regie bei The Drops of God führen.“ Dadurch gewann ich auf einen Schlag wunderbare neue Verbindungen in der Weinwelt.

    Durch die Arbeit an diesem Werk habe ich am eigenen Leib die „Magie“ von Wein erfahren, die Menschen miteinander zu verbinden. Ich bin zutiefst dankbar, dass wir – über die Beziehung von Autor und Regisseur hinaus – zu einem Team geworden sind, das dieselbe Geschichte auf unterschiedlichen Wegen erzählt.

    Wie standen Sie vor der Produktion von The Drops of God zum Thema Wein? Hat die Arbeit an der Serie vielleicht sogar Ihren Geschmack beeinflusst?

    Kenji Itoso: Wie ich schon eingangs kurz erwähnt: Bevor ich an diesem Projekt beteiligt war, war Wein für mich einfach „leckerer Alkohol“ – mehr nicht. Etwas, das man zu Mahlzeiten genießt, eine Ergänzung zum Alltag. Doch durch die Arbeit an The Drops of God, durch das tiefere Verständnis von Wein und durch die Begegnung mit Agi-senseis Welt hat sich das komplett verändert. Wein ist zwar eine Flüssigkeit, aber in ihm steckt die Zeit eines Ortes, menschliche Mühe und eine Kette von Entscheidungen. Eine Flasche kann mit Wendepunkten im Leben eines Menschen verbunden sein.

    Wenn ich heute das Glas hebe, schmecke ich den Wein nicht einfach nur – ich stelle mir dabei automatisch die Landschaft dahinter vor und beginne, Geschichte zu „entschlüsseln“: Wie fiel das Licht in dem Jahr, in dem diese Traube wuchs? Welchen Geruch des Bodens hat sie aufgenommen, um hierher zu kommen? Was für eine Zeit hat dieser Geschmack durchgelebt? Ich habe angefangen, eine Flasche Wein zu kosten und mir dabei eine ganze Geschichte vorzustellen – als würde ich einen Film ansehen. Auch mein Geschmack hat sich etwas verändert. Früher trank ich vor allem süßere Weine. Dann zog mich mehr das Kraftvolle, klar Verständliche an – und inzwischen bewegen mich auch Weine mit stiller, komplexer Länge und Nachhall.

    Das Prinzip, „die Burg der Werte einmal zu zerstören und neu zusammenzusetzen“, hat offenbar nicht nur meine Animationen beeinflusst, sondern auch meine Mahlzeiten. Vielleicht hat sich nicht einfach mein Geschmack verändert, sondern eher die Art, wie ich die Welt schmecke.

    Wenn dieses Interview im Mai erscheint, sind bereits erste Episoden bei Crunchyroll zu sehen. Gibt es vielleicht eine Szene in der ersten Episode, die sich die Zuschauer unbedingt ganz genau ansehen sollten – oder eine animationstechnische Besonderheit, auf die man unbedingt achten sollte?

    Kenji Itoso: Die erste Episode ist der „Kompass“ dieser Geschichte. Sie legt die Richtung des gesamten Werks fest – deshalb habe ich das Storyboard selbst übernommen. Achtet bitte vor allem auf den „Ton“ und den „Zeitgeist“. Wie in der Vorlage spielt die Serie im Japan der frühen 2000er Jahre: noch ohne Smartphones, in einer Zeit, in der alles ein wenig langsamer vor sich ging als jetzt. Um diese Atmosphäre zu wahren, haben wir bei den Soundeffekten kompromisslos einen realistischen Ansatz verfolgt. Und bei der Musik haben wir etwas gewählt, das für TV-Animes eher selten ist: Film-Scoring – die Komposition und Aufnahme werden anhand der bereits fertigen Bilder erstellt. Erlebt unbedingt den Moment, in dem Bilder und Musik exakt zusammenfallen!

    Ganz konkrete Highlights sind die Bewegungen, mit denen der Protagonist Shizuku Kanzaki dekantiert: Diese Abfolge ist sein Stolz in Gestalt von Gestik. Und dann die „inneren Landschaften“, die sich im Moment des Kostens entfalten. Das ist nicht einfach Fantasie, sondern Visualisierungen des Innenlebens, bei denen die Wand der Vernunft zusammenbricht. Achtet auch genau auf die Tasting-Szene von Issei Tomine: dieses „Oh …“, das ihm entweicht – und die winzige Pause danach. In diesem einen Schlag ist sein Leben enthalten.

    Dieses Werk ist ein Slice-of-Life-Drama, aber die Hauptfiguren nehmen Wein so ernst, dass darin fast eine Art „Wahnsinn“ steckt. Und weil die Charaktere bei diesem Wahnsinn so ernst sind, gibt es Momente, die – je nach Blick – fast komisch wirken können, als wäre es Comedy. Genau das ist meiner Meinung nach ein unwiderstehlicher Reiz von The Drops of God. Übrigens hat Episode 1 ein spezielles Opening. Aber auch in die normalen Openings und Endings ab Episode 2 haben wir viel Leidenschaft hineingesteckt. Bitte schaut sie euch an und skippt sie nicht (lacht) – genießt die Synchronität von Bild und Musik bis zum Schluss!

    Haben Sie zum Abschluss des Interviews noch eine Botschaft an die deutschsprachigen Anime- und Manga-Fans?

    Kenji Itoso: Mit den Fans im deutschsprachigen Raum verbindet mich persönlich eine sehr tiefe und warme Erinnerung, etwa durch meinen Besuch der Connichi, um über meine Arbeit am Opening von Attack on Titan zu sprechen. Ich erzählte: „Diese Serie ist eine Geschichte über „Mauern“. Menschen sind von physischen Mauern umgeben, diese werden zerstört – und schließlich überwinden sie auch die Mauern in ihrem eigenen Herzen. Deshalb habe ich auch die Struktur des Openings um das Motiv der Mauer herum gebaut.“ Und die Menschen in Deutschland hörten wirklich sehr aufmerksam zu und ihr Verständnis von dieser Struktur und Absicht war erstaunlich tief. Auch als ich die Anekdote über Miyazaki-san erzählte – „Ist Totoro Fleischfresser oder Pflanzenfresser?“ – tobte der Saal (lacht). Bei der Signierstunde bildete sich eine lange Schlange, und jeder Einzelne teilte mir seine Eindrücke in eigenen Worten mit. Mit manchen tausche ich mich bis heute über SNS aus. Deshalb denke ich bei den deutschen Fans nicht an „ein Publikum in einem fernen Land“. Ich sehe Gesichter vor mir.

    Ich werde auch die Schönheit deutscher Weihnachtsmärkte nicht vergessen, die ich privat besucht habe: die Winterluft, Lichter und Düfte. Dieses Erlebnis ist in mir zu einer Geschichte geworden – und beeinflusst sogar meine Original-Anime-Serie Santa Company, an der ich bis heute arbeite.

    Der Anime The Drops of God ist eine Geschichte darüber, durch Wein „die alte Mauer der eigenen Werte zu zerbrechen und einer neuen Welt zu begegnen“. Wein fängt die Kultur von Orten sowie die Kunst der Zeit ein. Genau deshalb glaube ich, dass dieses Werk das Potenzial hat, Ländergrenzen zu überschreiten.

    Ich würde mir wünschen, das ihr diesem Titel so begegnet, als würdet ihr die Geschichte kosten. Wenn ihr in dem Moment, in dem ihr gedanklich das Glas ansetzt, etwas spürt, das sich still mit euren eigenen Erinnerungen und eurem Leben verbindet, dann wäre das für uns das größte Glück. Und ich freue mich von Herzen auf den Tag, an dem ich die deutschen Fans wieder persönlich treffen kann.

    Kenji Itoso

    Herr Itoso, vielen Dank für Ihre Zeit und Antworten!

    Hier geht es zum Stream von The Drops of God bei Crunchyroll.