Interview: Jay.
SHERLOCK © 2010 Hartswood Films All Rights Reserved. Japanese manga adaptation published by arrangement with Hartswood Films through The English Agency (Japan) Ltd. © Jay. 2013, 2014, 2016 /KADOKAWA CORPORATION

Interview mit Sherlock-Manga-ka Jay.

© Carlsen Manga

Im Dezember stellt Carlsen Manga hierzulande den dritten Manga-Band der beliebten Manga-Adaption zur BBC-Hitserie Sherlock (s. AnimaniA 3/2017) unter anderem mit einem Sammelschuber (s. Bild rechts) in die hiesigen Händlerregale. Wir haben Sherlock-Manga-ka und AnimagiC 2017-Ehrengast Jay. auf der Convention-Premiere in Mannheim zum Interview getroffen und über die Arbeit an der prestigeträchtigen Reihe befragt. Hier lest ihr das Interview in voller Länge!

Jay.-sensei, Sherlock ist Ihr erstes Manga-Projekt – und dann gleich ein so großes! Wie kam es dazu, dass Sie den Zuschlag für diese wichtige Adaption bekamen?
Jay.: Der Chef-Redakteur des Young Ace-Magazins, Kato-san, war ein echter Sherlock-Fan. Er ist dann einfach mit dem Projekt auf mich zugekommen und hat mich gefragt. (lacht)

Haben Sie sich vielleicht schon vorher als Fanart-Zeichner hervorgetan oder Charakterdesigns entwickelt?
Jay.: Ich habe früher mal Illustrationen für ein Social Game gezeichnet, das leider nicht mehr angeboten wird, und hobbymäßig verschiedene Fanarts.

Wie fühlt es sich an, einen Beitrag zu einem so populären und großen Fan-Kosmos zu leisten?
Jay.: Also ich fühle mich wirklich geehrt! Am Anfang war ich auch stark verunsichert, ob das wirklich in Ordnung geht, dass jemand Unbekanntes wie ich ausgewählt wurde. Und jetzt, da ich häufig zu Conventions eingeladen werde – auch ins Ausland – und die Signing Sessions und Interviews erlebe, nehme ich erst richtig wahr, wie groß dieses Projekt ist. (lacht) Davor war ich ja einfach nur ein ganz normaler, ganz gewöhnlicher Mensch und hätte nie gedacht, dass es so weit kommt.

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Wie haben Sie die Charakterdesigns zu Sherlock Holmes, John Watson und Mycroft Holmes individuell entwickelt?
Jay.: Das betrifft nicht nur das Charakterdesign, aber ich versuche bei der Manga-Adaption, das Image des Charakters nicht zu zerstören. Ich bin von Sherlocks Augen wirklich sehr fasziniert und achte bei Nahaufnahmen besonders darauf, dass der Glanz seiner Augen richtig zur Geltung kommt. Außerdem passe ich bei ihm auch immer auf die Länge seines Gesichts auf oder versuche zumindest herauszufinden, welche Länge die beste ist. (lacht) Bei John Watson beziehungsweise Herrn Freeman ist es so, dass er scheinbar einen runden Kopf hat und auch leicht runde, niedliche Augen, aber in Wirklichkeit hat er schon leicht mandelförmige Augen mit scharfem Blick. Ich versuche dann, seine Coolness und gleichzeitig diese süße Art bei ihm herauszuarbeiten. Bei Mycroft, Sherlocks Brüderchen, versuche ich, seinen Gesichtsausdruck so darzustellen, dass es etwas Unheimliches hat, dass man nicht weiß, was er wirklich denkt, aber das fällt mir noch immer sehr schwer.

Dass es Ihnen schwerfällt, sieht man den Zeichnungen aber nicht an.
Jay.: Ist das so? (lacht) Also ich zerbreche mir immer den Kopf darüber – ich gebe mir Mühe!

Wie eng halten Sie sich bei der Manga-Adaption an die Vorlage?
Jay.: Ich versuche natürlich, so originalgetreu wie möglich zu sein. Bei Dialog und Textmenge verwende ich möglichst die übersetzten japanischen Texte, also die der japanischen Synchro. Nur wenn das Tempo oder der Lesefluss des Mangas dadurch beeinträchtigt werden würde, weiche ich auf die kürzere Version der Untertitel aus. Ich nehme also von diesen beiden Varianten die jeweils bessere (Anm. d. Red.: auch die deutsche Fassung basiert auf den Serientexten). Wenn es um die Szenenauswahl und Kameraeinstellungen geht, gibt es viele Szenen mit sehr langen, gleichbleibenden Einstellungen – das kann man natürlich in der Manga-Version nicht so übernehmen, weil dann bei allen Panels die Gesichter gleich aussehen würden. Hier versuche ich dann, die Charaktere aus verschiedenen Perspektiven zu zeichnen. Aber wenn es wiederum wichtig ist, dass die Figuren aus einer gleichbleibenden Perspektive gezeigt werden, dann übernehme ich das auch so.

Das gezeichnete Selbstporträt von Jay.

Stimmen Sie sich bei der Entwicklung von Designs und Storyboards mit den Autoren Steven Moffat und Mark Gatiss oder übernimmt vielleicht ein BBC-Gremium den Approval-Prozess?
Jay.: Ich habe noch nie Kontakt zu Herrn Moffat oder Herrn Gatiss gehabt. Ich bekomme das japanische Drehbuch und schaue mir dann natürlich auch die ganze Serie an. Danach zeichne ich und am Ende wird dann alles von der BBC freigegeben.

Wie schlägt sich der Erscheinungsrhythmus der Sherlock-Kapitel in der Young Ace auf Ihren monatlichen Workflow nieder?
Jay.: Im Fall der ersten Staffel sah es so aus, dass ich jeden Monat ungefähr 20 bis 30 Seiten gezeichnet habe. Allerdings hatte ich auch zwischendurch mal einige Monate Pause. Innerhalb eines Arbeitsmonats ist es dann so, dass ich ungefähr Mitte des Monats anfange zu zeichnen und immer weniger zu schlafen.

Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?
Jay.: Zuerst muss ich zu meinem täglichen Workflow noch sagen, dass ich tagsüber einen anderen Job habe. Erst, wenn ich dann spätnachmittags nach Hause gekommen bin, fange ich an, am Manga zu arbeiten, also zu zeichnen. Für meinen Monats-Workflow heißt das, dass ich dann eigentlich nur arbeite. (lacht)

Wie interessant! Man hat ja häufig das Bild eines Vollzeit-Manga-kas vor Augen …
Jay.: In Japan ist es eigentlich nicht unüblich, dass man noch eine andere Tätigkeit hat. Bei mir ist es so, dass ich eigentlich auch nie vorhatte, nur Manga-ka zu werden. Ich dachte immer: Die Reihe könnte ja auch jederzeit enden, da kann ich doch meinen Hauptberuf nicht kündigen! Inzwischen hat es sich so weiterentwickelt, dass ich jetzt eben beides mache. (lacht)

Können Sie uns verraten, was sie hauptberuflich arbeiten?
Dazu kann ich nichts sagen, weil die Firma auch nichts davon weiß. Das bleibt ein Geheimnis!

Welches Zeichenwerkzeug benutzen Sie?
Jay.: Ich zeichne ausschließlich digital und benutze das Programm Comic Studio EX.

Jay
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Wie und warum haben Sie sich für diese Arbeitsweise entschieden?
Zuerst einmal aus finanziellen Gründen und weil man es leichter korrigieren kann. Früher habe ich für Farbillustrationen COPICs benutzt und da kostet ein Stift ja schon 300 Yen (Anm. der Red.: ca. 2,30 Euro). Um aber zum Beispiel mein Lieblingsrot aufs Papier zu bringen, brauche ich schon zehn rote Stifte. Und wenn ich alles in Farbe gestalten möchte, benötige ich unendlich viele COPIC-Stifte – analoges Arbeiten war für mich deshalb zu schwierig. Wenn ich aber digital zeichne, kostet mich das gar nichts.

Dadurch, dass Sie eine Vorlage adaptieren, bleibt Ihnen nicht viel Raum für eigene erzählerische oder gestalterische Ideen. Wo und wie gelingt es Ihnen dennoch, eigene Elemente einzubringen?
Bei Sherlock ging es ja gerade darum, die Serie originalgetreu darzustellen. Wenn ich zum Beispiel nicht die Vorlage gehabt hätte, sondern es geheißen hätte: Machen Sie einen Manga aus dem Roman von Sir Arthur Conan Doyle, dann hätte ich auf jeden Fall größere Probleme mit meinen Designs gehabt. Ich zeichne bei Sherlock etwas realistischer als sonst, damit es zum Werk passt, aber trotzdem sieht man noch meinen ursprünglichen Stil.

Haben Sie einen Zeichentipp dazu, wie man reale Personen am besten in ein Manga-Charakterdesign transferiert?
Man sollte nicht gleich versuchen, alles bis ins genauste Detail zu erfassen. Wenn man zum Beispiel bei John Watson die ganzen Falten auf der Stirn oder um die Augen zeichnen würde, sähe es in der Manga-Version aus, als wäre er einfach ein sehr, sehr, sehr alter Mann – und das muss nicht sein. Es ist wichtig, erst einmal nur den Ersteindruck aufs Papier zu bringen und ihn erst danach mit der realistischen Person abzugleichen. Dann sollte man den Mittelweg zwischen Realität und Manga suchen, bis es dann in der Manga-Version sehr gut aussieht.

Welche Mangas oder Manga-kas mochten Sie in Ihrer Schulzeit besonders gern, und fühlen Sie sich von diesen künstlerisch beeinflusst?
Ryu Fujisaki-sensei (Anm. d. Red.: u. a. Shiki) und CLAMP-sensei (Anm. d. Red.: u. a. TSUBASA WoRLD CHRoNiCLE – NiRAiKANAi) haben mich sehr stark beeinflusst, als ich klein war. Unter den Illustratoren sind es Mutsumi Inomata-sensei (Anm. d. Red.: u. a. Charakterdesigns für diverse Tales of-Games) und Range Murata-sensei (Anm. d. Redaktion: u. a. Konzeptarbeiten für die Animes Last Exile und Blue Submarine No. 6), aber unter den Manga-kas würde ich sagen, dass ich am stärksten von CLAMP-sensei beeinflusst wurde.

Jay
SHERLOCK © 2010 Hartswood Films All Rights Reserved. Japanese manga adaptation published by arrangement with Hartswood Films through The English Agency (Japan) Ltd. © Jay. 2013, 2014, 2016 /KADOKAWA CORPORATION

Aktuell sind drei Bände mit drei Fällen von Sherlock erschienen, womit Staffel eins der TV-Serie komplett adaptiert ist. Können Sie uns verraten, ob die Manga-Adaption fortgesetzt wird und wenn ja, chronologisch fortlaufend mit Staffel zwei?
Zurzeit läuft die zweite Staffel in der Young Ace, aber ich bin erst an der Stelle von Ein Skandal in Belgravia, an der sich Irene auszieht. Also dauert es noch eine Weile, bis der nächste Band rauskommt. Ich kann leider noch nichts dazu sagen.

Jay
©Sound Horizon 2017
©Jay.2017 ©Aco ARISAKA ©Yoshie KATO 2017

Haben Sie neben Sherlock schon ein neues Projekt in der Schublade, über das Sie uns etwas verraten können?
Jay.: Ja, ich habe einen Song von Sound Horizon als Manga umgesetzt, der vorletzten Monat erschienen ist. Sound Horizon ist ein Bandprojekt des Künstlers Revo, der mit seinem Projekt Linked Horizon zum Beispiel die Songs von Attack on Titan komponiert hat. Die Lyrics von Sound Horizon sind wie Geschichten und zu dem Stück Nikushimi wo Hanataba ni Kaete habe ich den Manga gezeichnet. Er ist im zweiten Band der Nein ~9th Story~-Anthologie-Reihe enthalten (Anm. d. Red.: s. Bild links: Cover der Digitalausgabe, gedruckter Band bereits vergriffen).

Haben Sie zum Schluss noch eine aktuelle Anime- oder Manga-Empfehlung für Ihre deutschen Fans?
Jay.: In letzter Zeit habe ich einen Manga gelesen, der mich wirklich beeindruckt und auch fast schon schockiert hat. Er heißt The Promised Neverland. In Japan ist jüngst der vierte Band erschienen und als ich den gelesen habe … Also die Story ist wirklich der Hammer und ich möchte, dass die deutschen Leser die Reihe auf jeden Fall lesen, wenn sie dann bei Carlsen Manga erscheint (Anm. d. Red.: s. unsere News)! (lacht) Dass The Promised Neverland auch bei Carlsen erscheint, ist aber wirklich nur Zufall!

Jay.-sensei, vielen Dank für das Gespräch!