
In fast drei Jahrzehnten AnimagiC haben wir bereits viele hochkarätige Ehrengäste begrüßen dürfen. Unzählige namhafte Manga- und Anime-Künstler sind unserer Einladung gefolgt und haben ihre Werke den deutschen Fans vorgestellt. Und doch gibt es immer noch Momente, die für uns etwas ganz Besonderes sind. Zum Beispiel, als sich in diesem Jahr niemand Geringeres als die Seiyu-Ikone Mayumi Tanaka die Ehre gab und auf der AnimagiC 2026 unter anderem in einem Live-Dubbing die besten Szenen ihrer bekanntesten Rollen sprach! Natürlich haben wir uns auch die Gelegenheit zu einem Interview nicht entgehen lassen, in dem Mayumi Tanaka mit uns über ihre bemerkenswerte Karriere, ihre Wurzeln im Theater und natürlich über ihren Besuch in Deutschland sprach.

Gibt es ein bestimmtes Ereignis in Ihrer Schaffenszeit als Synchronsprecherin, das Ihre Art des Schauspielens beeinflusst hat – oder Ihnen besonders viel Kraft gegeben hat?
Mayumi Tanaka (MT): Da ich über viele Jahre hinweg hauptsächlich Jungenrollen gespielt habe, wurde ich mit der Zeit älter und begann irgendwann eine gewisse Diskrepanz zu spüren. In dieser Zeit spielte ich eine Figur, die zwar als Junge auftrat, in Wahrheit aber ein Mädchen war. Da hatte ich das Gefühl, dass diese Rolle gerade deshalb Sinn ergibt, weil ich sie spiele – sie passt zu mir. Solche Rollen gab es nicht nur im Anime, sondern auch auf der Theaterbühne. Ein Autor schrieb sogar einmal ein Stück ganz bewusst so, dass es zu mir passte. Als sich diese Erfahrungen wiederholten, hatte ich das Gefühl, den Sinn dahinter zu verstehen: dass eine Frau männliche Rollen spielt.
„Ich hatte das Gefühl, den Sinn dahinter zu verstehen: dass eine Frau männliche Rollen spielt.“

Viele Fans weltweit kennen Ihre Stimme als die von Monkey D. Luffy – doch mit Krillin, Pazu und anderen haben Sie noch viele weitere ikonische Figuren mit ihrem Stimmschauspiel geprägt. Wie sind Sie zu diesen Rollen gekommen – und was bedeutet es Ihnen, sie über Jahrzehnte begleiten zu dürfen?
MT: Ich habe alle diese Rollen über Auditions bekommen. Ganz gleich, wie alt man ist oder oder wie viel Erfahrung man hat – bei Sprechrollen muss man sich bei Auditions immer wieder aufs Neue bewerben. Ich hatte wirklich großes Glück, denn all diese Werke wurden von wunderbaren kreativen Schöpfern wie Hayao Miyazaki oder Eiichiro Oda erschaffen. Ich empfinde es als großes Glück, dass ich an ihren Werken mitwirken durfte. Bei langen Serien oder Werken, zu denen man immer wieder zurückkehrt, liegt es natürlich auch daran, dass die Werke selbst so großartig sind. Es gibt aber auch Beispiele wie die Anime-Serie Mashin Hero Wataru, die nur etwa ein Jahr lang ausgestrahlt wurde – und aus irgendeinem Grund bleibt die Begeisterung dafür selbst nach vielen Jahren lebendig. Bei Werken, die lange weiterlaufen, nimmt man das fast als selbstverständlich wahr. Bei Mashin Hero Wataru oder auch bei Sakura Wars ist es allerdings so, dass bei Jubiläen oder ähnlichen Anlässen plötzlich wieder große Begeisterung entsteht, obwohl gerade gar nichts Neues produziert wird. Ich bin sehr glücklich, dass ich solchen Werken begegnen durfte.



Anime und japanische Popkultur begeistern weltweit ein riesiges Publikum. Was macht für Sie die Strahlkraft der japanischen Erzähl- und Stimmschauspielkunst aus, dass sie trotz Sprachbarriere international so viele Fanherzen erreicht?
MT: Ehrlich gesagt hatte ich ursprünglich gar kein besonders großes Interesse an Anime – oder vielmehr an Bildern. In letzter Zeit habe ich jedoch bei One Piece und DAN DA DAN gemerkt, wie unglaublich viel Zeit und Arbeit die Animatorinnen und Animatoren in ihre Zeichnungen stecken. Deshalb versuche ich mich neuerdings selbst am Zeichnen, auch wenn ich darin überhaupt nicht gut bin. Vielleicht ist es auch einfach Realitätsflucht, weil ich eigentlich Texte auswendig lernen müsste. (lacht) Es freut mich sehr, dass es immer mehr Fans gibt, die Anime mit japanischem Originalton schauen. Ich selbst ziehe ausländische Filme mit dem Schauspiel der Originaldarstellerinnen und -darsteller vor. Deshalb habe ich früher Filme im Originalton geschaut und dazu die japanischen Untertitel gelesen. Mit dem Alter wird es jedoch schwieriger, gleichzeitig die Bilder anzusehen und die Schrift zu lesen. Von daher schaue ich inzwischen eher die synchronisierte Fassung. Deshalb denke ich: Wer Anime auf Japanisch schaut und die Untertitel liest, ist wahrscheinlich noch jung. Vielleicht gibt es also immer mehr junge Zuschauerinnen und Zuschauer. Das freut mich sehr.
„Es freut mich sehr, dass es immer mehr Fans gibt, die Anime mit japanischem Originalton schauen.“

Ihr Herz schlägt auch für das Bühnentheater. Was gibt Ihnen die Bühne, was Ihnen die Arbeit am Aufnahmemikrofon nicht geben kann?
MT: Letztlich ist die Arbeit mit der Stimme ja ein Schauspiel für eine Figur – ich bin also nicht einfach „ich selbst“. Auch Anime-Regisseure haben eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie die Darstellung aussehen soll, sei es zum Beispiel in Bezug auf die Lautstärke oder die Klangfarbe. Und genau das wird dann von den Sprecherinnen und Sprechern verlangt. Wenn ich nur so arbeiten würde, hätte ich als Schauspielerin irgendwann das Gefühl, nicht mehr gut zu sein. Deshalb mache ich Theater. Je mehr ich als Sprecherin arbeite, desto unsicherer werde ich in dieser Hinsicht. Denn es ist eine Arbeit, bei der man etwas in eine bestimmte vorgegebene Form einpasst. Natürlich gehört genau das aber dazu – wenn man das nicht kann, kann man diese Arbeit als Sprecherin nicht machen.

Dies ist ein Auszug aus unserem Interview mit Seiyu-Ikone Mayumi Tanaka, das wir euch exklusiv und in voller Länge in der AnimaniA 1/2027 präsentieren. Unsere aktuelle Ausgabe ist ab dem 3. November am Kiosk und als DVD-Ausgabe im Comic- und Fachhandel erhältlich. Beide Versionen der AnimaniA könnt ihr auch versandkostenfrei unter animania.de/shop bestellen.
