© 2017 Gin Zarbo / TOKYOPOP GmbH

Interview: Gin Zarbo

Mit der Zombie-Horror-Geschichte Undead Messiah startet bei TOKYOPOP im August 2017 das Verlagsdebüt der Schweizer Manga-ka Gin Zarbo. Unseren ausführlichen Bericht lest ihr in der AnimaniA 5/2017. Wie im Heft versprochen findet ihr hier das vollständige Interview mit der Künstlerin, in dem wir sie nach  der Arbeit an ihrem Debüt, Untoten und ihren Inspirationen gefragt haben.  

Gin, deine Schwester Ban Zarbo (Interview siehe hier) hat uns ja bereits erzählt, dass ihr mit Manga und Anime aufgewachsen seid. Was hast du persönlich als Dojinshi-Zeichnerin erlebt und was machst du in deiner freien Zeit?

© Gin Zarbo
© Gin Zarbo

Gin Zarbo (GZ): Wie Ban euch schon erzählt hat, habe auch ich durch das Analysieren des ersten Naruto-Bandes viel übers Manga-Zeichnen gelernt. Ich habe früher diverse Kurzgeschichten gezeichnet, aber sie umfassten nur 20-50 Seiten und viele konnte ich leider nicht vollenden. Dann kam mein erster richtiger Dojinshi Cope Soul. Als ich den auf Animexx regelmäßig hochgeladen habe, konnte ich mich durch das viele Feedback der Leser stetig verbessern und steigern und habe so auch viel Neues dazu gelernt. Ich habe also größtenteils den Lesern zu verdanken, dass ich so weit gekommen bin. Natürlich habe ich auch durch die Manga-Analysen viele Tricks und Kniffe selber aneignen können, dennoch gibt’s immer noch so viele Dinge, die ich lernen muss. Aber ich packe die Sache mit großer Zuversicht an.

In meiner freien Zeit zeichne ich das, was ich mag, oder gehe wandern. Ich bin auch bei der Freiwilligen Feuerwehr tätig und nehme sehr gerne an den Feuerwehrübungen teil (wenn ich sie wegen des Manga-Zeichnens nicht ausfallen lassen muss).

Deinen Dojinshi Cope Soul hast du online und im Eigenverlag veröffentlicht. Findest du noch die Zeit, daran zu arbeiten oder widmest du dich inzwischen vollkommen Undead Messiah?

GZ: Ich würde sehr gerne weiter an Cope Soul arbeiten, doch Undead Messiah nimmt die meiste Zeit in Anspruch. Ich versuche seit langer Zeit meine Geschwindigkeit zu steigern, damit ich vielleicht zukünftig parallel auch an Cope Soul weiterarbeiten kann. Ich vermisse manchmal meine CS-Charaktere und würde ihre Geschichten gerne weitererzählen, aber das heißt nicht, dass ich keinen Freude an Undead Messiah habe. Im Gegenteil, auch da habe ich mittlerweile eine Menge Spaß und werde das Projekt ebenso wie auch Cope Soul nicht aufgeben.

Was hat dich zu Undead Messiah inspiriert?

© 2017 Gin Zarbo / TOKYOPOP GmbH
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GZ: Hm… Ich vermute alle existierenden Zombie-Filme?! Mein erster Gedanke war einfach, wie albern ich manche dieser Filme finde. Ich habe mich so oft über die ahnungslosen Menschlein aufgeregt, die sich ständig fragen, was das für Kreaturen sind, wie man sie tötet, woher sie kommen, ob es sich bei den Menschen vielleicht nur um Kranke handelt, etc. Der Klassiker: Viele fühlen sich hilflos, stehen einfach regungslos da und lassen sich von den Viechern auffressen oder sie schießen ihnen in den Körper, obwohl man sie durch einen Kopfschuss erledigt. Ich fand das richtig nervtötend. Darum dachte ich: Hey! Wieso erschaffe ich nicht einfach einen Helden, der Ahnung von Zombies hat und die Ansicht der Leute teilt, die solche Szenen auch satthaben. (lacht) Ich nehme auch an, dass sich heutzutage jeder mit Zombies auskennt, weswegen ich mit Tim einen Helden gewählt habe, der sich durch jene Begeisterung auszeichnet und hoffentlich einer moderne Figur entspricht, mit der sich meine Generation identifizieren kann.

Zombies sind derzeit quasi ein sicheres Verkaufsargument. Was macht für dich die Faszination dieser und ähnlicher Apokalypse-Szenarien aus?

GZ: Also, ich „liebe“ Katastrophen-Storys, in denen das Überleben der Menschheit auf dem Spiel steht und sich die Menschen dem Überlebenskampf und der eigenen Psyche stellen müssen. Ich glaube, dass die Menschheit auch noch nicht hundertprozentig weiß, zu was sie alles im Stande ist. Unsere Psyche und unser Verstand sind unberechenbar, daher können wir nur erahnen, wie wir uns in absoluten Ausnahmesituationen verhalten würden. Aus diesem Grund finde ich die Apokalypse-Szenarien so interessant, weil sie gerade diese unentdeckten oder noch nicht erlebten Handlungsweisen unserer Psyche zum Vorschein bringen können.

Es gibt zudem verschiedene Gründe, warum mich die Untoten so interessieren: Ich bin mit Horrorgeschichten aufgewachsen. Ich habe Monster wie Vampire, Werwölfe, Geister, Zombies und unheimliche Mythen schon immer gemocht. Doch aufgrund der Tatsache, dass Zombies auf der ganzen Welt Katastrophen auslösen können, finde ich sie am faszinierendsten. Sie können sich im Gegensatz zu anderen Monstern rapide ausbreiten und besitzen dadurch die Macht, die Menschheit auszulöschen. Zu Zombie-Storys gehört auch immer ein gewisser Nervenkitzel. Positiv wie auch negativ.

Es gibt unzählige Medien, die das Zombiethema derzeit ausschlachten, was unterscheidet dein Werk von den anderen?

GZ: Ich habe schon viele Forenbeiträge oder Dokumentationen gesehen, die sich mit der Zombie-Thematik befassen. Viele sagen, dass der Ausbruch einer „Zombie“-Epidemie unrealistisch sei; andere wiederum glauben, dass es nicht so unwahrscheinlich ist, dass wir eines Tages zu Zombies mutieren. Eines meiner Anliegen ist es, eine eigene Antwort auf diese Frage zu finden. Ich liebe zwar Splatter-Storys und alles was blutig ist und mit Horror zu tun hat, und auch diese Elemente werden in Undead Messiah nicht zu kurz kommen, aber in erster Linie möchte ich mich mit meinem Projekt einem universelleren Thema widmen, das uns alle betrifft. Darauf kann ich aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht näher eingehen, weil ich sonst Plotdetails von Band 2 verraten würde, aber so viel sei gesagt: Der Manga wird versuchen, Fragen zu beantworten, die sich jeder von uns schon einmal gestellt hat.

Ist Solothurn die typische Großstadt? Oder gibt es Besonderheiten?

GZ: Nein, Solothurn ist keine typische Großstadt. Es ist einfach eine kleine schöne Barockstadt in der Schweiz, die früher eine Burgstadt mit hohen Mauern war. Wenn sich die Möglichkeit ergibt, möchte ich in Undead Messiah mehr über diese Stadt und ihre Besonderheiten erzählen.

Wie kam es bei dir zur Zusammenarbeit mit dem Verlag und hast du dich mit Undead Messiah oder einer anderen Geschichte beworben?

GZ: Das weiß ich noch ganz genau! (lacht) Ich bin 2010 mit 17 Jahren zur Leipziger Buchmesse aufgebrochen und zur Mappensichtung von TOKYOPOP gegangen. Ich hatte in der AnimaniA gelesen, dass der Verlag auf der LBM eine Mappensichtung veranstaltet und wollte unbedingt dahin. Aber ich hatte nur zwei Wochen Zeit und ich keine fertige Story vorzuweisen. In diesen zwei Wochen habe ich meine ganze Kraft dazu gebraucht, eine 49-seitige Kurzstory zu zeichnen. In der Zeit dachte ich noch, dass man sich wie bei den japanischen Verlagen mit einem komplett gezeichneten Pilotkapitel bewerben müsste. Sogar während der zwölfstündigen Zugfahrt nach Leipzig habe ich noch weiter gezeichnet. Mein lieber Papa hat mich damals begleitet, obwohl er arbeiten musste. Ich danke ihm noch heute für seine Aufopferung.

Vor Ort habe ich dann die angehende Redakteurin Natalie Wormsbecher und den damaligen Geschäftsführer Joachim Kaps kennengelernt. Ich war so nervös wie noch nie. Als ich meine Mappe gezeigt hatte, erhielt ich Komplimente und Verbesserungsvorschläge. TOKYOPOP war sehr überrascht, dass ich es innerhalb von zwei Wochen geschafft habe, ein Kapitel fertigzustellen (meine Schnelligkeit hat heute etwas abgenommen). Herr Kaps wollte, dass ich mit Natalie zusammenarbeite und so habe ich diverse Kurzgeschichten abgegeben und immer wieder Verbesserungsvorschläge von Natalie erhalten. Das haben wir etwa drei bis vier Jahre lang durchgezogen. Doch dann dachte ich, dass ich unbedingt einen Dojinshi herausbringen möchte. So habe ich 2014 Cope Soul in eigener Regie veröffentlicht. Ein Jahr später folgte der Dojinshi Z.A.C. in einer limitierten Auflage. Z.A.C. hat auch meinem jetzigen Redakteur Yannick Grotholt gefallen, der mir vorgeschlagen hat, Z.A.C. bei TOKYOPOP zu veröffentlichen. Das war der glücklichste Tag meines Lebens! Aus Z.A.C. wurde schließlich Undead Messiah.

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Auch du hast für Undead Messiah zum ersten Mal mit einem Redakteur zusammengearbeitet. Wie hast du die Zusammenarbeit erlebt?

GZ: Also ich fand es irgendwie lustig und aufregend zugleich. (lacht) Als mein Redakteur Yannick und ich die Story zu Undead Messiah besprochen hatten, konnten wir nicht mehr aufhören, Ideen zu sammeln und die Geschichte weiterzuspinnen. Es war wirklich toll, sich mit jemandem intensiv über die eigene Story unterhalten zu können. Unter der Aufsicht einer zweiten oder dritten Person behält man viel besser die Übersicht. Durch die vielen Fragen, die mir mein Redakteur zum Inhalt des Mangas stellt, und die Lösungsvorschläge, die er mir bei kniffligen Szenen macht, werde ich inspiriert und es entstehen ganz automatisch neue Ideen. Als Autor läuft man schnell Gefahr, einen Tunnelblick zu entwickeln, und im schlimmsten Fall wirft man weitere Fragen auf, statt welche zu beantworten.  Schlussendlich verliert man den Faden und gerade das kann ein Redakteur zu verhindern wissen. Natürlich soll man auch seiner eigenen Geschichte und seinen eigenen Ideen treu bleiben, aber es schadet nicht, die Anmerkungen des Redakteurs zu berücksichtigen und die richtigen inhaltlichen Fragen gestellt zu bekommen.

Ich bin überaus glücklich, Yannick als Redakteur zu haben und mit ihm die Story aufzubauen zu können. Auch wenn wir öfter Diskussionen über den Verlauf der Story führen, ist er der Beste!

Auch dein Werk wird voraussichtlich in drei Bänden abgeschlossen sein. Ist der Verlauf der Geschichte bereits festgelegt oder hast du Raum für spontane Einfälle?

GZ: Nein, es ist nicht alles festgelegt. Aktuell habe ich nur eine grobe Vorstellung vom Ende und dem Ziel, das Tim erreichen soll. Den Inhalt für die weiteren Kapitel habe ich zwar stichpunktartig festgelegt, aber ich habe bewusst Platz gelassen für zusätzliche und spontane Szenen, um gegebenenfalls auf Feedback der Leser reagieren und mich gleichzeitig selbst überraschen zu können, wenn sich etwa plötzlich eine neue Szene ergibt, die ich vorher so nicht geplant hatte.

Welche Zeichenmaterialien benutzt du für Undead Messiah?

GZ: Puh … (lacht) Da gibt’s so einiges. Weil ich ja alles traditionell mache, verwende ich viele Zeichenmaterialen. Hier mal die wichtigsten:

Deleter DIN A4 135kg Druckpapier

Feder: Zebra G-Pen (für Figuren und Effekte)

Feder: Nikko Maru-Pen (für Architektur und Speedlines)

Tusche: INK Pilot for Documents (wasserdicht)

Fude-Pen „Pentel Color Brush“ Black (für Haare, Schwarzflächen oder Effekte)

Edding 1mm-1cm (für Panelränder und größere Schwarzflächen)

Copic/ Micron Multiliners (für Feinheiten oder bestimmte Details)

Cutter: Grafik Klingen/ Boy Klingen oder ein einfaches Japanmesser

Deleter Rasterfolien

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Wie entwickelst du deine Figuren? Sind es Fantasieprodukte oder hast du reale Vorbilder für einzelne Personen oder spezielle Eigenschaften?

GZ: Die meisten Figuren stammen charakterlich von mir ab. Vor allem M-Kay hat eine starke Ähnlichkeit mit mir. Aber manchmal nehme ich auch gerne Schauspieler, die mir gefallen. Zum Beispiel Tims Onkel Alain hat das Aussehen eines Schauspielers, den ich mag, und den Charakter meines eigenen Onkels. Aber hauptsächlich sind es Fantasieprodukte, die ich allerdings nie als Fremde ansehe. Ich möchte meine Charaktere erst einmal selber kennenlernen und schreibe mir wenn möglich alles auf, was ich über sie wissen will, wie ihre Backstory, ihre aktuelle Lebenssituation und ihre Zukunftsperspektiven. Auch versuche ich zu beantworten, was sie mögen, was sie hassen, wovor sie sich fürchten, etc. Man sollte zunächst den Charakter der Figur und ihre Eigenschaften erstellen und die Handlung darum herumbauen und nicht umgekehrt. Wenn man die Story zuerst entwickelt und die Figur erst später eingebaut wird, wirkt sie wie eine Puppe, die keinen freien Willen besitzt. Sie ist dann eine einfache Spielbrettfigur, die zum Einsatz kommt und die Züge ohne Gefühle und steif hinter sich bringen will.

Wenn man alle Eigenschaften der Figur aufschreibt und so ihren Charakter formt, fällt es einem leichter, sich in seine Figur einzufühlen. Natürlich wird man im Verlauf der Story den Charakter besser kennenlernen und es entstehen neue Möglichkeiten, wie sich die Figur entwickeln kann.

Gibt es einen Charakter in deinem Werk, den du ganz besonders magst und warum?

GZ: Ich mag Tims Onkel Alain. Er kommt zwar nur kurz vor, wird aber später eine größere Rolle spielen. Bei seinem ersten Auftritt möchte er einen auf coolen und lustigen Onkel machen, der er auch in Wirklichkeit ist. Wie gesagt, er erinnert mich sehr an meinen eigenen Onkel, was wahrscheinlich der Hauptgrund ist, warum ich ihn so gerne mag. Er ist lustig, offen, versucht gute Laune zu verbreiten und hilft anderen gerne.

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Tim ist passionierter Gamer. Zockst du auch und wenn ja, was für Spiele?

GZ: Ich habe früher viele Spiele gezockt wie zum Beispiel Kingdom Hearts, Naruto, Mario, Street Fighter, Pokémon, die Sonic-Serie, Mystery-Games, usw. Doch seitdem ich beschlossen habe, mich dem Manga-Zeichnen zu widmen, zocke ich nur wenig bis kaum. Meist schaue ich mir Let’s Plays von YouTubern an oder gucke meinem Bruder beim Zocken zu.

Liest du als deutsche Manga-ka selbst auch Mangas deutscher Zeichner. Wenn ja, kannst du einen Titel empfehlen, wenn nein, warum nicht?

GZ: Hier muss ich sagen, dass ich ähnliche Ansichten habe wie meine Zwillingsschwester Ban. Ich habe einige Favoriten, aber es gibt keinen, der mir zu 100 % zusagt, leider. Was nicht bedeuten soll, dass ich perfekt bin. Ganz und gar nicht. Die deutsche Zeichnerszene hat sich in den letzten Jahren extrem gesteigert und ich bin unglaublich stolz auf sie. Aber Luft nach oben ist nach wie vor. Ich kann im Augenblick noch nicht behaupten, dass wir mit den japanischen Mangaka mithalten können. Wir sind noch ein, zwei Schritte im Rückstand. Aber zusammen könnten wir es schaffen. Das wünsche ich mir zumindest.

Welchen japanischen Titel kannst du unseren Lesern empfehlen? Und welches Genre bevorzugst du?

GZ: Puh … Es gibt echt viele Titel, die mir gefallen. (lacht) Aber die Frage nach meinem Lieblingsgenre ist leicht zu beantworten! Ich liebe Action und Horror, obwohl mich Mystery auch immer mehr begeistert. Tokyo Ghoul von Sui Ishida steht für mich im Augenblick auf Platz eins! Ein anderer Zombie-Manga, der mir echt gut gefällt ist I am a Hero von Kengo Hanazawa.

Hast du zum Abschluss noch eine Nachricht an die deutschen Manga-Leser?

GZ: Yes! Ich hoffe, euch mit Undead Messiah eine Zombie-Story der etwas anderen Art bieten zu können, die den einen oder anderen zum Nachdenken anregt, und freue mich über Feedback jeder Art, denn nur durch Kritik kann man sich verbessern.

So! Von mir aus kann die Zombie-Apokalypse kommen! (lacht)

Gin, vielen Dank für das Interview!

Undead Messiah ist im August bei TOKYOPOP erschienen. Unsere Besprechung lest ihr in der AnimaniA 5/2017!